Kulturausflug

Ein Abend am Küchentisch mit der Familie Airaudo, Mercy und Merighi

Unter diesem Motto waren wir mit einer Familie verabredet, die das Tanztheater Pina Bausch wie kaum eine andere geprägt hat: Malou Airaudo, Pascal Merighi, Dominique Mercy und Thusnelda Mercy. Eine Familie, die den Tanz nicht nur lebt, sondern miteinander aushandelt – über Jahrzehnte, Generationen und Bühnen hinweg.

In der TanzStation Barmer Bahnhof, mitten im Raum: ein Tisch, Gläser, eine Flasche Wein, sechs Stühle. Rund 40 Gäste waren unserer Einladung gefolgt und versammelten sich in enger Runde um den Tisch – barfuß oder auf Socken, denn ein Tanzboden verträgt kein festes Schuhwerk. Es war eine Einladung, die Nähe meinte – und auch Nähe herstellte.

Filmemacher und Künstler Ralf Silberkuhl, ein langjähriger Freund der Familie, führte mit offenen Fragen und respektvoller Neugier durch das Gespräch.

7:45 Uhr

Studio One Coworking
Neumarkt 5, 42103 Wuppertal

Es wurde mucksmäuschenstill, als Malou Airaudo von ihrer Zeit in New York erzählte und dabei von der Arbeit mit Manuel Alum und Paul Sanasardo berichtete. Von ihren Anfängen in Wuppertal in den 1970er Jahren, den kargen Räumen und dem rauen Klima. Von Pina Bausch, einer stillen Kraft, die fast schüchtern war und der schon damals der Ruf einer revolutionären Choreografin vorauseilte. Und von durchwachten Nächten mit Wein und vielen Zigaretten, in denen das Leben in den Tanz fand.

Dominique Mercy erinnerte sich dagegen mit feinem Humor an seine Ankunft in der Stadt: an rote Ampeln, die er unachtsam überquerte, und eine ältere Dame, die ihm wie ein Kind folgte. Fast hätte er sie in Gefahr gebracht. Das Gegenmodell zu solchen Regeln bot ihm Pina Bausch. Während der Proben zu „Fritz“, ihrem ersten Stück mit dem Tanztheater, litt er an hartnäckigem Husten, der kurzerhand Teil der Choreografie wurde. Mercy sagte dazu: „Es gab keine Grenze mehr zwischen mir, dem Leben und dem, was auf der Bühne passierte. Alles konnte Material sein.“ Für ihn war das die Freiheit, die er brauchte, um sich vollständig entfalten zu können.

Für Thusnelda Mercy, Tochter von Malou und Dominique, ist Tanz nicht nur ein Beruf, sondern eine Welt. Sie erzählte vom Aufwachsen zwischen Koffern und Kulissen und davon, wie sie sich bewusst für die Bühne entschieden hat: „Bühnen riechen nach Zuhause. Aber sie sind auch Heimat. Ich war oft dabei. Manchmal war ich aber auch wochenlang bei Freundinnen untergebracht, wenn meine Eltern unterwegs waren. “

Trotzdem wollte sie zunächst Kinderpsychologin werden. Der Wunsch zu tanzen kam später – und mit ihm die Frage, ob sie die Schule abbrechen dürfe. Ihre Eltern sagten nein. So machte sie ihr Abitur und tanzte nebenher am Theater der Klänge in Düsseldorf. Rückblickend war das der Prüfstein für die Frage, ob das ihr Weg sei. Ihre Antwort heute: ein eindeutiges Ja!

Trotz Warnungen ging sie später an die Folkwangschule, obwohl ihre Mutter Professorin und ihr Vater Lehrbeauftragter waren. Und sie wurde nicht geschont. Trotz ihrer Angst, immer nur die „Tochter von” zu sein, wechselte sie nach Stationen bei Sasha Waltz & Guests schließlich auch ins Ensemble des Tanztheaters in Wuppertal.

2015 gründete sie mit Pascal Merighi ihre eigene Kompanie. Die beiden haben heute ein Kind und sind unterschiedliche Wege in den Tanz gegangen. Merighis Weg führte über Rock ’n’ Roll und Jazz zum Ballett. Nach seiner Ausbildung in Cannes und Engagements beim Tanzforum Köln kam er 1999 zum Tanztheater Pina Bausch. Heute leiten die beiden die TanzStation Barmer Bahnhof. Merighi sagte, er sei endlich angekommen – nach Jochen Ulrich (Tanzforum Köln) und Pina Bausch.

Auf die Frage, was Tanz heute braucht, antwortete er: „Geld. Dann Stabilität. Schließlich Ausdauer.“ Mit Blick auf das geplante Pina-Bausch-Zentrum lenkte er das Gespräch auf die zumeist prekäre finanzielle Situation des professionellen freien Tanzes. Er äußerte offen die Sorge, dass freie Kompanien an den Rand gedrängt werden könnten: „Es wird nicht für alle reichen. Aber ohne die kleinen und mittleren Häuser funktioniert das gesamte System nicht. Es braucht Kooperation und Kreativität. Auch jenseits des Zentrums.“

Zwei Performances der Tänzer:innen Narumi Saso und Kenji Shinohe bildeten den Rahmen für das Gespräch am Küchentisch.

Es war ein besonderer Abend. Er schaffte Intimität, ohne privat zu werden. Es brauchte keine Bühne, um spannend zu sein, sondern nur einen Tisch und Menschen, die bereit sind, sich zu zeigen. Nicht als Legenden, sondern als Familie. Danke an alle, die ihre Geschichte mit uns geteilt haben.